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Dienstag, 10. April 2018

Skitour Stucklistock (3313m)

Das Lawinenbulletin zeigte zwar Stufe 2, dies aber doch noch mit einer gewissen Schärfe, zudem würde die tageszeitliche Entwicklung die Situation nicht verbessern. Da war die Idee für ein gutes Tourenziel gefragt, zumal ich kurzfristig alleine unterwegs sein musste. Meine Wahl fiel schliesslich auf den Stucklistock. Dort sind die Hänge am Bergsockel zwar steil, aber unterhalb von 2000m, zudem kann man sich meist an positiv aus der Landschaft hervortretende Strukturen halten und so allfälligen Triebschnee vermeiden. Obenraus überschreitet dann nur noch der kurze, wenig problematische Schlussaufstieg in die Lücke P.3165 die kritische 30 Grad Marke.

Aufbruch von Färnigen zum Stucklistock, unten die Brücke über die Meienreuss, der tiefste Punkt der gesamten Tour.
Ehrlich gesagt hatte ich mit vielem gerechnet, aber definitiv nicht damit, dass ich morgens um 6.30 Uhr alleine am Startpunkt der noch ungespurten Route stehen würde. Ich war etwas hin- und hergerissen... eigentlich war ich mir meiner Sache bzw. der Einschätzung der Tour sicher, andererseits wartete auch ein heftiger Brocken Arbeit, die 1900 Höhenmeter alleine zu spuren. Als ich mich schliesslich bereits für eine Alternativtour Richtung Gorezmettlen entschieden hatte, sah ich von oben an der Strasse, wie nun doch 3 Tourengänger in Richtung Stucklistock aufbrachen. Somit vernichtete ich erst einmal gute 100 Höhenmeter, fuhr zur Brücke über die Meienreuss ab und wollte nun also doch zum Stucklistock gehen. Schon nach wenigen Minuten in der ersten Stufe nach Äbnet hinauf zeigte sich, dass die 3 viel mehr von mir als ich von ihnen abhängig waren. Für einen Beitrag an der Spurarbeit war ihrerseits weder Mumm noch Kondition vorhanden und es dauerte in der Folge nicht lange, bis ich sie ausser Sichtweite abgehängt hatte.

Die steilen Hänge am Bergsockel sind durchschritten, hier öffnet sich die Landschaft und die Perspektive.
Der Aufstieg über die steilen, unteren Hänge war kraftraubend. Die Unterlage war kompakt und sicher, darauf lag jedoch eine rutschige Pulverauflage. Um gar kein Risiko einzugehen, hielt ich mich konsequent an die am wenigsten steile Aufstiegsroute und von allen Rinnen fern, was viele Dutzend Spitzkehren erforderte. Schon erstaunlich, wie viel defensiver man am Weg ist, wenn man alleine unterwegs ist. Paradox ist dies vor allem, weil eine Gruppe im Aufstieg hier kaum mehr Sicherheit, jedoch bestimmt mehr Risiko böte. Wenn in einer der Rinnen ein Rutsch abginge, so wäre sowieso die ganze Gruppe betroffen, zudem ist die Belastung der Schneedecke in der Gruppe höher. Anyway, das sind theoretische Überlegungen. Nach diesem steilen Sockelbereich, oberhalb von 2000m, öffnet sich das Gelände. Von Verfolgern war weit und breit nichts mehr zu sehen, aber hier war für mich alles im grünen Bereich, aufgrund der Steilheit war der folgende Abschnitt kein potenzielles Lawinengelände mehr und ich setzte meinen Aufstieg frohen Mutes fort.

In Bildmitte (tiefster Punkt am Horizont) die Lücke P.3165, welche ich schliesslich angepeilt habe. Der Gipfel rechts der Lücke ist der Stucklistock. Man erreicht diesen besser über die sehr steilen Schneehänge in der Ostflanke, als über den Grat der von P.3165 hinaufzieht.
Das letzte Stück hinauf in die Lücke P.3165 war dann nochmals ein hartes Stück Arbeit (sehr steil, kompakt-feste Unterlage, rutschiger Pulver darauf), doch schliesslich war der Skiteil vollbracht. Der Grat Richtung Gipfel, den man zuerst auf der SW-Seite begeht schien breit und grösstenteils aper, so würde ich wohl bald auf dem Gipfel sein. Doch den Vorgipfel erklommen, änderte sich die Sache plötzlich. Auf der abgewandten Seite wurde der Grat sehr schmal, exponiert und war winterlich verschneit. Im Reitersitz kraxelte ich Stück für Stück vorwärts, doch beim finalen Abkletterstück hinunter in die Lücke war finito. Gehörige Exposition, unkonsolidierter Pulver und der wenige Fels der hervortrat, war auch nur mässig solide. Ich sah absolut keine Chance, hier mit 100% Kontrolle über die Situation abzuklettern und somit gab es leider nur eines, den Rückzug. Es wäre gar nicht allzu weit gewesen, jenseitig hätte dann problemloses Gelände zum Gipfel geführt. Doch ein Sturz an jener Schlüsselstelle wäre definitiv das Ende gewesen. Zu viel an Risiko, wo nix zu machen ist, ist nix zu machen. 

Blick von der Lücke P.3165 hinauf zum ersten, gut ausgeaperten Gratteil. Dieser lässt sich ohne grosse Schwierigkeiten mit etwas Kletterei im zweiten Grad gut begehen. Die Problemzone beginnt hinter dem Vorgipfel (höchster Punkt im Bild), hinter welchem ein schmales, exponiertes und heikles Gratstück folgt. Ich hatte es unterlassen, dort noch Bilder zu schiessen...
Während diese Stelle (wie ich im Nachhinein in Erfahrung bringen konnten) scheinbar bei fortgeschrittener Ausaperung überwindbar ist, führt die allgemein beste Route zum Gipfel durch das Couloir in der NE-Flanke, welches die Lücke wenig nördlich von meinem Umkehrpunkt direkt erreicht. Dieses Couloir noch anzugehen, war für mich keine Option. Die Summe machte es aus... im >45 Grad steile Couloir lag offensichtlich Triebschnee (Lawinengefahr), um mich an die im Vornhinein festgelegte Rückkehrzeit im Tal zu halten blieb keine Zeit für weitere Eskapaden und zuletzt fehlte mir aufgrund der Umstände auch etwas der Mumm. So bedauernswert eine Tour ohne Gipfelerfolg ist, so war's nun hier halt einfach so - nix zu machen. Insgesamt war's aber doch eine tolle Sache gewesen. Als Erster bei grandiosem Wetter komplett alleine durch die unberührte Gebirgslandschaft schreiten zu können war ja eigentlich sogar das schönere und exklusivere Erlebnis als der Gipfel an sich. Die Abfahrt präsentierte sich dann ganz ordentlich: ganz oben eher decklig, dann ein langes Stück mit gutem, windgepresstem Pulver und zum Schluss bereits angefeuchteter, aber gut drehbarer Schnee. Der härteste Abschnitt war dann jener ganz am Schluss, der Wiederaufstieg von gut 100hm zum Automobil an der Passstrasse oben an der prallen Sonne durch den feuchten Pflutter. Wohl bekomm's, ich war jedenfalls danach bedient! 

Nur Plan B aber eigentlich eben doch auch ganz famos: Sportklettern bei frühlingshaft perfekten Temperaturen am steilen Fels!
Der aufmerksame Leser hat's vielleicht bereits gemerkt: dieser Bericht ist nicht (mehr) ganz aktuell und bezieht sich nicht auf das eben vergangene Wochenende. Da war es mir aufgrund der Umstände trotz dem fantastischen Wetter nicht vergönnt, ins Gebirge aufzubrechen. Umso besser, dass der Bergsport für fast jede Situation und jedes Zeitbudget spannende Herausforderungen bietet. So gab's für mich dieses Mal "nur Sportklettern", dies jedoch bei idealen Bedingungen, mit grossem Genuss und einigem Erfolg. Beim alten Jäger und Sammler fielen diese Woche nämlich gleich 2 Schallmauern auf der Tickliste: nämlich jene von exakt 100 gepunkteten Routen im Grad 7c und jene von 1000 gepunkteten Seillängen mit Schwierigkeitsgrad >=7a. Jaja, diese Errungenschaften sind eigentlich total 'pointless' und kaufen kann man sich damit auch nichts - aber die besten Dinge sind einfach jene, die unbezahlbar, nicht käuflich und nur für die persönliche Befriedigung sind. In diesem Sinne: Allez, auf zum nächsten Ziel :-)

Donnerstag, 5. April 2018

Ostertrip 2018

Nach intensivem Studium von Wettermodelldaten und einigem Werweissen war schliesslich doch noch ein Entscheid gefallen. Die Gegend an der ligurischen Küste würde an Ostern 2018 von Starkniederschlägen verschont werden und das Wetter würde an jedem Tag die Kletterei bei guten Bedingungen zulassen. Genau so kam es dann schliesslich auch und wir blicken auf einen äusserst gelungenen Trip ins Val Pennavaire zurück. Viel Kletterei, Sonne, Pasta, Gelati und Caffè, dazu passte auch meine Form sehr gut - was will man mehr!

Blick vom Sektor Cineplex auf's Val Pennavaire. Mittig das grosse Klettergebiet Terminal, hinten Veravo und Vesallo.
In dieser Gegend war ich nun schon zum x-ten Mal: früher reisten wir stets nach Finale und kletterten in den dortigen Sektoren. Kunststück, weit zurück in den 1990er-Jahren war das Val Pennavaire ja auch noch nicht auf der Kletter-Landkarte erschienen. Ab Mitte der Nullerjahre floss dann bei jedem Trip nach Finale der eine oder andere Besuch im Oltrefinale ein. Inzwischen hat sich die Situation geändert, bei meinen letzten 2 Aufenthalten sind wir ausschliesslich im Val Pennavaire geklettert und haben Boragni, Cucco, Perti und Konsorten nur noch bei der Vorbeifahrt auf der Autobahn eines Blickes gewürdigt. So ändern sich die Zeiten! Besucht haben wir die folgenden Sektoren:

Reunion

Netter, schattiger Sektor unmittelbar im Talboden mit ca. 20 Routen von 6a-7a. Bei einer früheren Stippvisite zogen wir ob den wackelnden Haken unverrichteter Dinge von dannen, inzwischen wurde jedoch saniert. Die kurzen Routen im rechten Sektor sind weniger lohnend, zentral im Hauptsektor gibt's jedoch ein paar echte Perlen mit bis zu 20m Länge, die rund 5m überhängend sind. Gutgriffiger Henkelspass, da und dort mit ein paar Sintern garniert. Nach der langen Autofahrt kam uns das gerade recht, um die Glieder wieder in Bewegung zu bringen.

Salazie (6b+): unten einfach, oben ein paar kräftige, ja fast schon pumpige Züge
Merci Laurent (7a): super Henkelspass, kurze Crux oben, die einfachste der 7a's?!?
Chez Celine (7a): super Ausdauer-Henkelspass, die schönste und homogenste der 7a's?!?
Le Swalibo (7a): super Henkelspass mit kräftiger Dächlicrux im oberen Teil
Cilaos (6c+): gleiche Steilheit und Länge wie die 7a's, aber noch bessere Griffe

In den Ferien angekommen... letzte Sonnenstrahlen nach einem ereignisreichen Tag!

Terminal

Der Klassiker unter den Sektoren mit inzwischen nahezu 100 Routen bis zu 40m Länge von 5c-8a. Meist athletische Kletterei an sintrigen Strukturen und Leisten, wo "nötig" wurde auch hier und da mit ein paar gebohrten Löchern nachgeholfen. Die einfacheren Routen (bis 6b/6c) sind weniger steil und bieten eher technische Kletterei. Die Wand sieht von frühmorgens bis in den Nachmittag hinein viel Sonne - wobei sie in den tiefen Wintermonaten nicht allzu lange bleibt, da der Fels bei wenigen Minuten Zustieg fast im Talboden unten liegt. Trotzdem: die am Ostersamstag notwendige Rettung war auch von hier ein Unternehmen ("un bel casino"). Ein italienischer Kletterer hatte sich bei einem unglücklichen Sturz den Fuss gebrochen. Bis er schliesslich von den zahlreichen Pompieri aus Savona mit einer Bahre geborgen und in den Krankenwagen verfrachtet werden konnte vergingen ab dem Notruf mehrere Stunden!!! Zu allem Übel ging dann kurz vor dem Abtransport auch noch ein kurzer Schauer nieder, welcher den engen, steilen Zustiegspfad unangenehm glitschig machte. Hoffen wir, dass es dem Pechvogel bald wieder besser geht und es sei uns eine Mahnung, vorsichtig zu sein. Selbst aus einem Klettergarten wird die Rettung einer nicht mehr gehfähigen, von Schmerzen geplagten Person aufwändig - nicht daran zu denken, wenn es hier um schwere, lebensbedrohliche Verletzungen gegangen wäre!

Ministro Pistarini (6c+): coole, leicht überhängende Route mit intensiver, komplexer Crux
John Wayne (7a): mit weiten Zügen dynamisch-kräftig übers Dach, ziemlicher Runout dort!
E. Venizelos (7c): super Linie: 15m Einklettern, 15m gutgriffig Pumpen (7a/7a+), dann crimpy Crux
Pook (7a): 30m einfach fantastisch, Tufa Blobs, ein grosser Tufa und kräftiges Wandkletter-Finale
Walla Walla (7a+): bisschen vernachlässigt rechts aussen, unten easy, oben henklig-weite Moves

Langwierige (aber professionelle!) Evakuation eines Verletzten aus dem Klettergebiet Terminal

Cineplex

Ein grosser Sektor für die warme Jahreszeit, da er ab spätestens Mitte Vormittag im Schatten liegt. Der Zustieg hierher ist rund 30 Minuten lang, oft geht dort oben auch noch ein zügiger Wind, der für gute Rotpunkt-Verhältnisse sorgt. Es warten total rund 100 Routen von 5c-8b, wobei das Angebot unter 7b nicht allzu üppig ist. Es gibt jedoch im rechten Teil des rechten Sektors auch ein paar sehr gute Touren im Bereich 6b-7a. Die Routen im linken Sektor sehen hingegen wenig attraktiv aus und weisen de visu auch kaum Begehungsspuren auf. Durch den längeren, zuletzt steilen Zustieg und die Tatsache, dass sich die Einstiege im linken Teil des rechten Sektors auf einem schmalen, exponierten Band befinden (über welches auch der Zustieg verläuft), ist das eher nichts für (kleine) Kinder. Für dettling'sche Bergziegen war's jedoch gefundenes Fressen, zumal rechts aussen auch klettermässig für die Kids etwas zu holen ist.

Daunbailo (7a): anhaltend physisch an oft guten Griffen, mittig mal ein paar neckische Sloperleisten
21 Grammi (7c): affengeile, homogene Tour ohne Ruhepunkt mit Slopern, Tufas, Leisten, ...
Brubaker (7b): hammermässig mit Boulderstart, dann kräftige Crux und Ausdauer ohne Ende
Point Break (7a): zum Dessert, abwechslungsreiche Moves mit Überraschung zum Finale

Das Bild stammt vom Sektor Terminal. Unten noch geneigt, oben dafür dann umso steiler.

Il Granaio

Kleiner Sektor, welcher unterhalb vom Terminal nur wenige Meter oberhalb der Strasse in den Bäumen versteckt ist. Für den kurzen Genuss (für uns vor der Heimfahrt) gibt's hier aber knapp 20 sehr nette, meist äusserst gutgriffige Routen von ca. 15m Länge von 5b-7c. Wobei es im siebten Franzosengrad nur gerade 3 Touren sind, mit welchen ich kurzen Prozess machen konnte. Ohne das Seil je zu belasten (ausser fürs Ablassen natürlich, sonst wäre das schon zu umständlich geworden) konnte ich mir folgendes auf die Ticklist notieren, bevor wir uns auf den langen Heimweg machten:

Sorgo (6b+): die Schwierigkeiten auf den ersten Metern, danach Henkelparade
Quinoa (7a): supergriffiger Henkelspass, unterbrochen durch einen schwierigen Seitgriffzug
Teff (7c): bouldrig-kräftiger Start an Seit- und Untergriffen zu dynamischem Move, dann henklig
Amaranto (7b): weite, athletische Moves durchgehend an Henkeln, sowas macht richtig Spass!
Avena (6c): am Dessert hatte ich härter zu beissen als gedacht, anhaltend und nicht immer henklig!

Riesenspass für die Kinder: im Terminal die ersten 15 einfachen Meter (ca. 5c/6a) von Papi's Route am freien Seilende nachsteigen. Wenn's einen dort wo es schwierig wird dann spickt, so gibt's einen Riesenpendler in den freien Luftraum.
Zum Schluss bleibt noch die Geschichte mit der Schildkröte. Nein, nicht mit dem Sektor Tortuga, über diesen hatte ich früher einmal geschrieben. Sondern es war so: auf der Hinfahrt, beim Kaffeehalt auf einer Raststätte, hatten die Kinder die Riesen-Plüsch-Schildkröten entdeckt. Wir fuhren dann weiter, doch es kristallisierte sich heraus, dass es unvermeidlich wäre, hier auf der Heimfahrt einen Stopp einzulegen und diese Tiere anzuschaffen. Wobei wir den Kindern klar machten, dass sie dazu ihr Sackgeld-Konto zu plündern hätten. Nun denn, am Fels offerierte ich meinem Sohn aus einer Laune heraus eine kleine Beteiligung, wenn er die eingehängte 6a+ im Toprope punkten würde. Im Prinzip liegt's mir komplett fern, die Kinder mit Geld und Geschenken zum Klettern oder sonstigen Handlungen zu motivieren... aber hier gab der kleine Obulus die entscheidende Portion an Extra-Motivation. Mit allem was er hatte, kämpfte er sich zum Umlenker durch, mit Einsatz und Aufs-Ganze-Gehen wie wir das bisher noch nie gesehen hatten. Noch erstaunlicher die Nachhaltigkeit dieses Effekts: offenbar hatte sich dadurch im Gehirn eingebrannt, was bei maximaler Leistung möglich ist und so hatte sein Kletterniveau auf diesem Trip wirklich einen richtigen Sprung gemacht. In dem Sinne war es ein Incentive genau zum richtigen Zeitpunkt :-) 

Rotpunkt-Schildkröten auf dem Weg in die Schweiz... ;-)

Facts

Unterkunft: Agriturismo Gli Angeli in Cenesi (Ortsteil von Cisano sul Neva, 5 Minuten entfernt)
Topo: iVert Oltrefinale, Rock Climbing in West Liguria

Samstag, 31. März 2018

Albigna: Wassersinfonie (5a+) & Torre dal Päl Piccolo (5b)

Ein Nachtrag unserer Chiavenna-Ferien im Sommer 2017, von welchen es ja bereits diverse Tourenberichte gibt (1,2,3). Nachdem wir das Leben in der Capanna da l'Albigna im Rahmen der SRF-Sendung Hüttengeschichten ausgiebig verfolgt hatten, drängte sich ein Besuch in derselben natürlich auf. Wegen dem instabilen Wetter wollten wir auf eine Übernachtung verzichten und setzten auf einen Tagesausflug. Was drängte sich da mehr auf, als den Hüttenzustieg teilweise kletternd via die plattige Wassersinfonie (5 SL, 5a+) zurückzulegen?!? Und da gleich oberhalb der Hütte noch mehr Fels zur Verfügung steht, gab's zum Dessert die Piccolo am Torre dal Päl (6 SL, 5b).

Wunderschöne Bergeller Bergwelt, gesehen von der Staumauer des Albigna-Sees.
Mit der neuen Seilbahn ging's hinauf bis unter die Staumauer und die Installationen der Arte Albigna bestaunend darüber hinweg. Nun auf dem Hüttenweg weiter, bis an offensichtlicher Stelle über einen Trampelpfad durch Kraut und Gebüsch in ein paar Minuten zuerst absteigend und dann wieder leicht aufsteigend zu den Einstiegen der Hüttenplatten traversiert werden kann. Inzwischen stehen auf diesen Platten 3 Routen zur Auswahl, wir wollten uns an die traditionelle Wassersinfonie (5 SL, 5a+) halten. Die Kletterei ist von plattiger Natur, bietet aber trotzdem Abwechslung und ist im rauen Bergeller Granit kurzweilig. Man lasse sich von den tiefen Bewertungen nicht täuschen. Diese sind vergleichsweise hart ausgefallen, die Ansprüche sind deutlich höher wie z.B. in der Fontana di Giovinezza oder der Condotta Libera. Ebenso stecken zwar regelmässig Bohrhaken, dazwischen ist jedoch durchaus Engagement gefragt. Für blutige Anfänger und sanfte Vorstiegsgemüter sind die Anforderungen m.E. zu hoch und die Kinder hätte ich hier auch keinesfalls vorsteigen lassen mögen.

Zupfige Plattenkletterei bei nicht ganz kurzen Hakenabständen in der Wassersinfonie (5a+).

Impressionen aus den Hüttenplatten, hinten der Piz Frachiccio, an welchem sich auch prima klettern lässt. 

Blick vom Top zurück, hinten die Spazzacaldeira, an deren Fuss sich (nicht sichtbar) die Seilbahnstation befindet.
Nun denn, im Nachstieg wurde die Route von der ganzen Familie aber flugs absolviert, das benachbarte Team schaffte in derselben Zeit kaum mehr als eine einzige Seillänge. Bald waren wir am Ausstieg, von wo man in ein paar Minuten die Hüttenterrasse erreicht. Während der eine Teil der Familie vom Mittagsmenü und den Spielmöglichkeiten um die Hütte sehr angetan war, zog ich mit der Tochter noch weiter zum Torre das Päl - von der Hütte ein richtig stolzer Zacken, jedoch trotzdem mit moderaten Schwierigkeiten zugänglich. Zum Einstieg sind's rund 10-15 Minuten. Klettern wollten wir die Route Piccolo (5b), welche entlang der Westkante in die Höhe führt. Was einen in der ersten Seillänge erwartet, war mir a priori nicht ganz klar - in vielen Kletterführern zeigen die Topos eine 6a-Seillänge. Dies ist jedoch irreführend bis falsch. Die einfachste, logische und auch gut abgesicherte Linie über die Einstiegsplatte checkt nur im oberen vierten Grad ein. Von deren Stand erreicht man problemlos (mit BH gesichert) den zunächst einfachen Grat, welchen man über 2 Seillängen verfolgt. Man querst schliesslich ein Couloir (durch welches man auch rückseitig im Schrofengelände zusteigen könnte) und erreicht den Schlussaufschwung.

Blick zum Torre dal Päl vom kleinen See wenig unterhalb der Capanna da l'Albigna. Piccolo führt der linken Kante entlang.

L1 von Piccolo, die logische Variante in der kleinen Verschneidung checkt bei ~4b ein, die Platten daneben sind schwieriger.

In L2 von Piccolo, welche nach der Einstiegsplatte etwas kraxlig zum Grat hinaufführt.
Nun wird die Wand wieder kompakter. Über wunderbar griffiges Gelände im dritten und vierten Grad gelangt man unter die steilere Abschlusspartie. Das luftige Finish befindet sich direkt an der runden Kante und ist mit 5b bewertet. Diese Einstufung ist jedoch deutlich gutmütiger wie die Bewertungen in der Wassersinfonie, zudem stecken die BH hier auch in enger Abfolge. Meine Tochter konnte die ganze Route problemlos in freier Kletterei zügig nachsteigen und erreichte den schmalen Gipfel stolz wie Oskar. Nun galt es nur noch, wieder in die Tiefe zu gelangen. Am effizientesten geht dies mit einem Abseilmanöver über die Südwand (Achtung, 1x50m-Seil ist zu kurz, zwingend 1x60m erforderlich!). Ein Trampelpfad führt dann zurück zur Hütte oder wahlweise auch zum Einstieg. Allerdings verzögerte sich unser Rückweg doch noch ein wenig. Die selbsternannte Kletterratte "musste" am Weg noch die diversen Boulderblöcke bezwingen. Alles in allem also ein höchst gelungener Tag in schöner Berglandschaft mit vielen Klettermetern für Gross und Klein.

Nun bereits im Schlussaufschwung zum Torre dal Päl. Erst eine geneigte und noch sehr gemütliche Seillänge...

...dann schon etwas steiler, dafür sehr griffig...

...und zuletzt das Finish an der runden Kante (5b). Nicht schwierig genug, als dass es nicht für ein paar Faxen reichen würde.
Facts

Hüttenplatten - Wassersinfonie 5a+ (5a obl.) - 5 SL, 150m
Material: 1x50m Seil, 8 Express

Kurze aber verngüngliche Plattenkletterei mit westseitiger Exposition unmittelbar unter der Hütte. Sehr guter Fels und abwechslungsreiche Kletterei machen diese Route lohnend. Die Bewertung ist vergleichsweise hart ausgefallen. Die Absicherung mit BH ist eher auf der knappen Seite und fordert Beherrschung der Schwierigkeiten - für Kindervorstieg und Anfänger weniger geeignet. Mobile Sicherungsmittel lassen sich kaum anbringen.

Torre dal Päl - Piccolo 5b (4a obl.) - 6 SL, 180m
Material: 1x60m Seil, 8 Express

Schöne und gutmütige Kletterei, welche unmittelbar über der Capanna da l'Albigna auf den stolzen Zacken des Piz dal Päl führt. Die Absicherung mit BH ist gut ausgefallen. Die Kletterei ist wenig anhaltend, die 5b-Schlüsselstelle lässt sich A0 entschärfen und dank dem griffigen Gestein darf man von einem gutmütigen Unternehmen sprechen, welches auch für fortgeschrittene Anfänger tauglich ist. Hier und da könnte man mobile Sicherungsmittel einsetzen, was mir jedoch nicht zwingend nötig erscheint.